«Dies war [...] Familien zu verdanken, die zutiefst betrübt nach ihren heimatlosen, verstossenen Töchtern suchten [...]»
Shownotes
Unser Zufallssatz:
«Dies war grösstenteils dem Sinneswandel einiger ihrer Familien zu verdanken, die zutiefst betrübt nach ihren heimatlosen, verstossenen Töchtern suchten und sie um Verzeihung baten.»
Quintessenz der Diskussion
von Judith Niederberger aka Lakritza
Ein trügerischer Satz! Er will uns vorgaukeln, da sei eine Versöhnung im Gange und die Wiedervereinigung von Familien stehe bevor.
Wir misstrauen aber dem Sinneswandel: Er ist wohl da, doch er ist den Töchtern gegenüber, denen grausames Unrecht angetan wurde, nicht ehrlich genug. Die «zutiefst betrübten» Familien verstecken sich hinter einer selbstbezogenen Aussage und lassen zu wenig Erkenntnis, zu wenig Schulbewusstsein, zu wenig Busswilligkeit spüren. Diese Euphemisierung der Reue bringt die Unfähigkeit wahrer Schamgefühle und Schuldbekenntnisse zutage.
«Die Scham muss die Seite wechseln!» Diesen Appell hat GisèlePelicot wiederbelebt. Wir können ihn nicht laut genug wiederholen.
«Kinder der Landstrasse», Vergewaltigungen von Mädchen in Sekten, Mittäterschaft im Faschismus … wo immer Unrecht geschehen ist, müssen wir lernen, darüber nachzudenken und dann vor allem auch ehrlich darüber zu sprechen.
Das ist nicht einfach.
Wenn uns zunächst die Sprache dafür fehlt, können Symbole helfen.
Gibt es möglicherweise deshalb heutzutage so viel dystopische Geschichten? Brauchen wir eine Dystopie, um etwas zu verarbeiten?
Bestimmt ist es noch nicht die Lösung. Doch es ist ein Versuch, zur Sprache zu finden. Immerhin: Ein Anfang für eine mögliche Aussöhnung in der Zukunft.

Grafik: Judith Niederberger aka Lakritza mithilfe von Midjourney
Mitwirkende:
Judith Niederberger aka Lakritza, Riccarda Mecklenburg, Jeannette Häsler Daffré, Julia Burgstaller, Rosemarie Burmeister, Marcus Riedel u.a.m.
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